Siekdami užtikrinti efektyvesnį interneto svetainės veikimą, naudojame slapukus. Tęsdami naršymą interneto svetainėje sutinkate, kad Jūsų kompiuteryje būtų įrašomi slapukai.

Kommen Sie nach Vilnius, um Europa zu finden! (langtext)

Vilnius hat viele Gesichter, Namen, Widersprüche und Geheimnisse, weswegen diese Stadt wahrscheinlich so unsere Phantasie anregt. Die Gründungslegende spricht davon, dass sie aufgrund eines Traumes geboren wurde, in welchem ein eiserner Wolf von der künftigen Berühmtheit der Stadt heulte. Die Stadt wurde von den Deutschen des Mittelalters „die Wilde“ genannt, weil sie inmitten undurchdringlicher Wälder errichtet wurde, während die Juden auf der ganzen Welt sie „Jerusalem des Nordens“ nennen, doch wir selbst bezeichnen sie manchmal als „Athen des Nordens“. Man staunt schon, wenn man Vilnius sieht, dieses UNESCO-Weltkulturerbe und diese Perle des italienischen Barock, gelegen in einem ziemlich abgeschiedenen Winkel Europas, doch in Wahrheit befindet sich Vilnius bloß ein paar Kilometer vom geografischen Mittelpunkt Europas entfernt.

Vilnius nennt man auch deswegen „Jerusalem des Nordens“, weil sich ihre Altstadt historisch gesehen aus vier Vierteln zusammensetzte, und zwar dem der litauischen und polnischen Katholiken, dem der deutschen Protestanten, dem der Juden und dem der russischen Orthodoxen. Obwohl Vilnius heutzutage sehr litauisch ist, vermischen sich hier die einen mit den anderen kulturellen und nationalen Einflüssen, so dass Vilnius gleichsam ein kleines Europa in einer Stadt darstellt. Das glauben Sie nicht? Na, dann planen Sie doch eine Reise hierher und überzeugen Sie sich selbst.

Mit Phantasie lassen sich die Kulturen von Vilnius mit den unterschiedlichen Jahreszeiten verbinden. Da ist der Frühling – zweifelsfrei katholisch – mit seinen Beginn am 4. März, dem Festtag des hl. Kasimir, des Königssohns, der in Vilnius lebte und dessen Reliquien in der Kathedrale aufbewahrt werden. Er ist nicht der einzige Heilige von Vilnius (es gibt noch weitere vier katholische Heilige, zwei Seliggesprochene und drei orthodoxe Märtyrer sowie das am Aušros-Tor aufbewahrte wundersame Bild der Muttergottes), doch ohne Zweifel der wichtigste überhaupt, zumal der seit mehr als 400 Jahren zu seinen Ehren veranstaltete Kaziukas-Jahrmarkt auch die nichtreligiösen Städter anzieht. Seine meistverkaufte Ware ist die Verba, eine aus getrockneten Blumen geflochtene Rute, die nur in Vilnius und in 15 umliegenden Dörfern hergestellt wird. Sie ist die einfallsreiche Antwort der Vilniuser auf das raue Klima, denn am Palmsonntag vor Ostern ist gewöhnlicherweise der Schnee noch nicht geschmolzen. Doch wenn es wärmer wird, kommt der richtige Frühling außergewöhnlich schnell in die Stadt, und sollten Sie hierher kommen, wenn der Flieder und der Jasmin in der Stadt blühen und ihre Düfte sich mit dem Weihrauch vermischen – Weihrauch, der durch die mit Engeln von Pietro Perti geschmückten Kirchentore weht –, so kann es passieren, dass es Ihnen dabei ganz ernsthaft schwindlig wird, dass Sie sich verlieben und Sonette zu schreiben beginnen. Die Poesie, so scheint es, liegt hier in der Luft, da aus der berühmten, von den Jesuiten 1579 gegründeten Universität zwei Klassiker der Weltliteratur hervorgingen – Adam Mickiewicz und der Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz.

Der Sommer in Vilnius zeigt sich Ihnen am ehesten ziemlich deutsch – von der Ordnung und Sauberkeit bis zum kaltem Bier unter Sonnenschirmen in einer Unzahl von Freiluftlokalen. Von denen gibt es wohl die meisten rund um den Rathausplatz und in der Vokiečių-Straße („Deutsche Straße“), wo einst die Grenze zwischen dem protestantischen und dem jüdischen Stadtviertel verlief, das die Sowjets abrissen und an seiner Stelle stalinistische Bauten errichteten. Doch sind glücklicherweise amnesiegleich alle historischen Dramen vergessen, sitzt man sommers in einer solchen Kneipe, besonders dann, wenn dabei Musik erklingt, die Sie in Vilnius wirklich ausgezeichnet genießen können, denn die Stadt hat eine alte Musiktradition. Seinerzeit schrieb sogar Ludwig van Beethoven Briefe nach Vilnius, denn hier lebte seine Muse, die Sopranistin Christine Gerhardi Frank, die für die unentdeckte, „ewige Geliebte“ gehalten wird; aber Vilnius hat eben viele Geheimnisse. Kein Geheimnis ist, dass hier Jascha Heifetz geboren und sein Weltmusiktalent entdeckt wurde, dass hier das litauische Musikgenie Mikalojus Konstantinas Čiurlionis seine Werke schuf. Doch wie auch immer – schauen Sie mal die Konzertdaten durch. Der Anteil der litauischen klassischen Musiker und Solisten, die an den bedeutendsten Bühnen der Welt arbeiten, ist einfach riesig, und doch gibt es eine große Wahrscheinlichkeit, dass es Ihnen im Sommer gelingt, diese Künstler in ihrem Heimatland zu erleben – möglicherweise unter einem deutschen Gotikgewölbe oder vielleicht unter freiem Himmel oder inmitten der hinreißenden Architektur des Österreichers Johann Christoph Glaubitz, die in die Kunstgeschichte der Welt unter dem Namen „Vilniuser Barock“ eingegangen ist.

Im Herbst, wenn sich über die Niederungen und Täler von Vilnius der Nebel und die Schleier klarer Schwermut und Nostalgie legen, stellen sich wohl auch die Erinnerungen an die Juden von Vilnius ein, die sich seit dem 14. Jahrhundert hier verwurzelten, als der litauische Großfürst Vytautas ihnen Privilegien zuerkannte. Wilna – das ist die Stadt der Größe, der Geheimnisse, der Verluste und der Tragödie der Juden – wie keine andere. Der Gaon von Vilnius, einer der großen Denker und Theologen der Welt, wurde hier geboren und begraben. Wilna – das ist nicht nur die Stadt von Jascha Heifetz, sondern auch die Stadt der Kindheit des Goncourt-Preisträgers Romain Gary, die er mit Liebe und Schmerz auf den Seiten von „Frühes Versprechen“ beschreibt; das ist die Stadt des Malers Marc Chagall, und auch Chaim Soutine begann hier, in der Kunstschule Vilnius, seine künstlerische Karriere.

Wenn Sie im Winter hierher kommen, wenn die Stadt im Schnee versinkt und die Schornsteine der Altstadt rauchen und in Pelze gehüllte Städter die Straßen entlang eilen, wird Ihnen die Stadt slawisch und orthodox vorkommen. Obwohl sich die Stadt immer noch von den Wunden der sowjetischen Okkupation erholt, gibt es doch eine vollkommene Eintracht mit den in Vilnius seit Jahrhunderten lebenden Orthodoxen, angefangen mit dem Ruthenen Franziskus Skorina, der 1517 in seiner Druckerei das erste Buch von Vilnius druckte. Besuchen Sie eine der faszinierenden, nach Weihrauch duftenden orthodoxen Kirchen mit ihren Kuppeln und glänzenden Ikonen. Nicht umsonst kamen berühmte Russen nach Vilnius, die die Stadt, die ihnen vertraut war, doch auch sehr westlich, europäisch erschien, lieb gewannen. Einer der berühmtesten russischen Künstler des 20. Jahrhunderts, Mstislav Dobuschinski, verewigte sie in seiner Malerei, der Nobelpreisträger Joseph Brodsky besang Vilnius in seinen Versen, und der Komponist Rodion Schtschedrin, der Schöpfer der „Litauischen Sage“, ist ein häufiger Besucher der Stadt.

Sie wollen sich nicht mit Geschichte beschäftigen? Dann schweifen Sie in den fotogenen Straßen der Stadt umher, aber wundern Sie sich dann nicht, dass Vilnius Ihnen irgendwie bekannt vorkommt – von der Kinoleinwand, denn hier wurde nicht nur ein auf der Welt bekannter Film gedreht, so dass Sie die Gelegenheit nutzen sollten, sich im Hintergrund, der sogar die berühmtesten Künstler inspirierte, zu verewigen (oder vielleicht den Kuss der Flitterwochen festzuhalten).

Kommen Sie nach Vilnius, um Europa zu entdecken; kommen Sie nach Vilnius, um sich inspirieren zu lassen. Kommen Sie nach Vilnius, um sich zu verlieben.

Kristina Sabaliauskaitė

Schriftstellerin und Kunstwissenschaftlerin, ausgezeichnet mit dem Preis des Hl. Christophorus der Stadt Vilnius